Kurzgeschichten, Erzählungen, Gedichte und Aphorismen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge:

 

Das alte Haus ist schuld

Ein Irrtum

Wozu ist Sprache gut?

Wo ist Großvaters Seele geblieben...?

Das wechselvolle Leben des John Pietro Waldschmied

Eine preisgünstige Lösung  

Isolde von Lüdenhausen verreist mit dem Zug nach Basel.

Der Sänger Samuel.

 

 

 

 

 

 

Das alte Haus ist schuld

 

Die geplante Frühlings-Matinee ist ins Wasser gefallen. Meine Ideen sind davon geschwommen. Die lyrische Stimmung mit. Ertrunken im Badewasser des Komponisten, der über mir wohnt.

Ein undichtes Abflussrohr unter seiner Badewanne sorgte dafür, dass das abfließende Wasser ein Loch in die Decke meiner Küche bohrte und sich dann über einen Hängeschrank gemächlich auf den Küchenboden ergoss.

Ich traute meinen Augen kaum, als ich eines Morgens einen See in der Küche vorfand, den ich trocken legen musste, bevor ich mir ein Frühstück zubereiten konnte.

Es dauerte eine ganze Weile bis ich das Loch in der Decke sah und die darum herum sich bildenden Wasserflecken, die in verschiedenen Farbschattierungen von gelb bis braun, die Umrisse einer Badewanne abzeichneten.

Die Erkenntnis, dass das Wasser von oben kam, hatte aber auch etwas Beruhigendes. Meine erste Vermutung, ein unliebsamer Eindringling könnte vielleicht in der Nacht über den kleinen Balkon in die Wohnung gelangt sein und sich wie ein Vandale aufgeführt haben, wurde damit hinfällig.

Lyrische Stimmung kam keine auf, aber ich hatte wenigstens einen klaren Kopf um die jetzt notwendigen Schritte zu unternehmen.    

Nachbar, Hausverwalter, Bauingenieur und Installateur kamen, nacheinander, miteinander um den Schaden festzustellen, zu fotografieren, zu begutachten und nach der Ursache zu rätseln.

Sehr schnell kam der Chef-Installateur zu dem Ergebnis, dass seine Firma auf keinen Fall Schuld an dem Schaden haben kann. Sein Foto belege eindeutig, dass der Fliesenleger nicht sauber abgedichtet  habe...

 

Ich habe diese Auseinandersetzungen nicht weiter verfolgt. Weiß aber, das was alle wissen:

Ein altes Haus weist naturgemäß immer mal wieder Schäden auf. Und da sich das Haus nicht wehren kann, hat das wohl so seine Richtigkeit.

 

 

*****

 

 

Ein Irrtum

 

Ich surfte im Internet. Unter der Rubrik „Musik zu Krieg und Frieden“ entdeckte ich bei einem Musikverlag die Elegie „La Guernica“ von Walter Steffens. Eine Hörprobe wurde angeboten. Ich war begeistert. Diese Elegie für Bratsche und Orchester beginnt mit einer sehr realistisch anmutenden musikalischen Geräuschkulisse „anfliegender Jagdbomber“.

 

Auf meine Anfrage, ob eine Aufnahme dieser anfliegenden Jagdbomber auf CD erhältlich sei, sandte mir der Verlag ein Notenbuch. Ich konterte, nicht die Noten helfen mir weiter, ich benötige  eine Aufnahme der anfliegenden Bomber.

 

Einige Tage später erhielt ich vom „Billig-Flieger-Forum.de“ die Nachricht, dass eine Sendung „anfliegende Jagdbomber“ aus Sicherheitsgründen nicht an mich ausgeliefert werden kann!

 

 

***

 

 

Aus einer Veranstaltung der GEDOK im Goethe Institut

Beitrag Lilo Külp

 

 

Wozu ist Sprache gut?

 

Ich kann sprechen, kann mich ausdrücken, verständigen,

ich kann mich aussprechen und mitteilen,

ich kann mit der Sprache kommunizieren.

 

 

1) Wer bin ich, wenn mich niemand hört?

 

                 2) Wer bin ich, wenn mir Schweigen befohlen wird?

 

                3) Wer bin ich, wenn ich sprachlos geworden bin? 

 

 

***

 

 

        Spiegel

 

Manchmal denke ich, wir sind wie Spiegel,

in denen der andere immer nur sich selbst begegnet..

 

Dieser Spiegel verrät ihm

„was wäre ich, wenn ich du wäre“.

 

***

 

 

SCHWEIGEN

 

Schweig` still

lass die alten reden

schweigen ist gold

hab geduld

warte

bis die Zeit

reif ist

warte und schweige

 

Das war früher

heute sollen die alten schweigen

meinen sie, die die Macht haben

und die alten schweigen,

weil sie hilflos abhängig geworden sind.

 

´Schweigen ist Mord´

dachte sie.

 

´Immer müssen sie töten

die einen töten

den Leib

die anderen

den Geist

wieder andere

die Seele

und die vielen

Worte, die in dir

sind und keinen

Ausweg finden.

 

Immer brauchen

sie einen, der

für sie stirbt.

 

Gott vergib‘ ihnen,

denn sie wissen nicht,

 was sie tun.

 

 

aus „Das Lachen des Tages – Die Seufzer der Nacht“ Gedichte und Aphorismen bei Fouqué 2001

Europa-Literatur Preis in der Klasse Gedichte-Aphorismen 2002

 

 

***

 

 

DIE STUMME

ein Dialog

 

 

Frau: Hast  du’s  gehört, Simon? Sie kann wieder sprechen. Die Stumme  kann wieder sprechen, sag ich. Nach 13 Jahren spricht sie wieder. 

 

Mann:  Isabella? Die sanfte junge Frau...

 

Frau: Sie ist reifer geworden in den Jahren des Schweigens. Nun versucht sie das, was unaussprechlich geworden war, in Worte zu fassen.

 

Mann:  Was hat sie nur sprachlos gemacht? All die  langen Jahre?

 

Frau: Die Leute sagen, sie  hat einen Schock erlitten. Es müssen böse Worte gefallen sein, Verleumdungen...  das hat ihr die Sprache verschlagen.

 

Mann:  so dass sie sich nicht wehren konnte...

 

Frau: Üble Nachrede hat schon manchen kaputt gemacht. Verleumder sprechen eine andere Sprache. Die kennen kein Feingefühl. Da ist unsereiner wehrlos. Das muss ich dir doch nicht sagen, Simon.

 

Mann: Ja, sie sprechen weiß Gott´ eine andere Sprache, obwohl sie im gleichen Land aufgewachsen sind.

 

Frau:  Worte sind vielschichtig. Sie lassen sich deuten, so oder so. . .  Es kommt ganz darauf an, wer sie in den Mund nimmt.... 

 

Mann: Du hast recht, Gerda. Es ist nicht gleichgültig, wer etwas sagt... Deshalb also blieb ihr die Sprache weg... jetzt verstehe ich...

 

Frau:   Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sagt sie. Wie gelähmt sei sie gewesen.  Wer denkt schon daran, dass Worte zerstören können?                      

 

Mann:  Sie hat sich verändert, meinst du?

 

Frau: Früher war ihr Reden wie das unbeschwerte Plätschern eines Wasserfalls.

 

Mann:  Ja, ich erinnere mich. Jeder freute sich, sie zu hören.  Ihr reden war wie das Zwitschern der Lerche am frühen Morgen,  wie der sanfte Abendwind, der über die Felder streicht.....

 

Frau: Nun ist sie ernst und nachdenklich geworden - wen wundert es? Vorsichtig jedes Wort abwägend, wohl wissend, was unüberlegtes Reden anrichten kann: Worte können töten, Worte können heilen... Die „Sprachlos Gewesene“ hat sich verändert, oh ja. Aus dem unbeschwert dahin plätschernden Wasserfall ist ein bedächtig dahinfließender Fluss  geworden.

 

Mann: Aber  nun, der Sprache wieder mächtig, kann sie sich verständigen, sie kann sich mitteilen, sich ausdrücken. Hoffentlich kann sie sich auch verteidigen, wenn es mal wieder notwendig wird.

 

Frau: Das hoffe ich auch, Simon. Ganz sicher aber weiß sie mehr denn je, dass man  verantwortungsvoll mit Worten umgehen muss.

           

Mann: Isabell hat schon immer danach gehandelt. Aber für alle die Anderen kann ihr Schicksal eine Lehre sein.

 

Frau: Ja, Simon. Auch mir ist dadurch bewusst geworden, Sprache ist ein Instrument, mit dem man  Menschen verändern kann.

 

 

***

 

 

                      Wo ist Großvaters Seele geblieben...?

 

Nach Großvaters Tod war Carolin tagelang nicht ansprechbar. Sie kaute an einem  Problem. Das war nicht  zu übersehen. Ihr Blick ging ins Leere, als suche sie etwas, was weit hinten am Horizont in unerreichbarer Ferne lag. Es war das erste Mal, dass Carolin und ihr kleiner Bruder mit dem Tod in Berührung kamen.

Der kleine Moritz war oft zu Besuch bei Großvater. Das war immer sehr lustig. Großvater kannte die tollsten Spiele. Nie ist er müde geworden.

´Was ist nur los?` dachte Moritz.  `Opa war plötzlich so müde, dass er seinen Kopf auf den Tisch legte und eingeschlafen ist. Keine Antwort hat er mir gegeben.`

 

Moritz wollte es nicht begreifen, dass Opa nie mehr aufwachen würde.

 `Armer Opa, sie haben dich in eine Kiste gelegt und dann in dieses Loch in die Erde. Später wird an der Stelle, wo sie dich begraben haben, ein Nussbaum wachsen, haben sie mir gesagt.`

Das war tröstlich, denn Moritz wusste, dass Opa so gerne Nüsse aß und dass er noch im vergangenen Jahr ein Bäumchen in seinem Garten gepflanzt hatte.

 

Carolin wollte sich damit nicht zufrieden geben. Wochenlang grübelte sie:

`Wo ist denn das Leben, das in Großvater war, hingekommen? Das kann sich doch nicht einfach auflösen. In dem toten Körper, den sie in die Erde gelegt haben, war es jedenfalls nicht mehr. - Vielleicht ist es unsichtbar geworden?`

Eine Falte legte sich über ihre Stirn und ließ das kindliche Gesicht viel älter erscheinen.

Sie aß fast nichts mehr und schlief sehr unruhig. Wochenlang ging das so.

Ich überlegte, wie ich ihr das Sterben erklären  könnte, das ich doch selbst nicht verstand.

Dann, eines Morgens. ehe ich ihr etwas erklären konnte, sagte sie: „Jetzt weiß ich, wo Großvaters Seele ist!“ Erstaunt sah ich sie an. Bevor ich fragen konnte, sprudelte es aus ihr heraus: „Ich hab es im Traum gesehen, ganz deutlich, Großvaters Seele ist im Bauch des Weltalls verschwunden – und viele andere Seelen mit ihm. Ganz klein und durchsichtig sind sie geworden, wie regenbogenfarbene Nebelwesen, die in der Luft herumwirbeln. Mit Ufo-Geschwindigkeit rasen sie auf den Nabel des Weltalls zu. Wie magisch angezogen.

Vielleicht warten sie dort auf eine neue Geburt?“

„Auf ihre Auferstehung“ warf ich ein. Carolin war beeindruckt. Ich sah ein Leuchten in ihren Augen. Nach einer Weile gestand sie mir zaghaft: „Ich wollte die Seele berühren, sie löste sich wie Nebel auf und verschwand aus meinen Augen.“

 

„Vielleicht schlüpfen wir nachts im Schlaf alle in den Schoß des Weltalls, der uns morgens als noch unverdauliche Kost wieder ausspeit und wie neu geboren ins Leben entlässt?“ entgegnete ich, mehr nachdenklich als amüsiert, ihre Gedanken ergänzend.

 

Für Carolin war die Welt wieder in Ordnung. Sie wusste, wo Großvaters Seele war. Sie ist nicht gestorben, sie lebt. Auch wenn man sie nicht anfassen kann.

Sorglos sprang sie davon. Bald sah ich sie wieder mit den anderen Kindern auf der Wiese vor dem Haus spielen.

 Nur manchmal schlich sie sich davon und stand unten am Bach, wo der Alte, der Großvater so ähnlich sieht, seine Leier dreht.

 

 

( Kinderlieder oder phantastische Stücke v. Schumann oder Chopin)

 

 

*****

 

Das wechselvolle Leben des John Pietro Waldschmied

 

Wer die Stadt Freiberg nach Süden hin verlässt, der kann sich bei einem ausgedehnten Spaziergang in freier Natur ergötzen. So weit das Auge schweift, liegen grüne saftige Wiesen vor ihm und es könnte leicht ein Gefühl unbändiger Freiheitslust in ihm aufkommen, wenn die Grünflächen nicht nach drei Seiten hin durch dunkle Wälder und Berge eingerahmt wären. Das Tal verengt sich je weiter der Wanderer nach Süden hin ausschreitet. Einzelne Häuser liegen verstreut am Waldrand oder an den Berghang gedrückt, nur durch den Dorfbach und einen schattigen Weiher getrennt. Die Sonne verschwindet schon früh am Nachmittag  und lässt viel Feuchtigkeit zurück. In mancher Kate riecht es ein wenig modrig.

 Der Flecken heißt Kyburg, bekam seinen Namen nach der alten Raubritterburg, die noch immer zu den Wahrzeichen der kleinen Gemeinde gehört, die ihren besonderen Reiz und Charme ausmachen. Erwähnt werden müssen die kleine Barockkirche und das alte Rathaus und etwas abseits davon das neu erbaute Schulhaus.

In den renovierten Räumen der Burg finden regelmäßig Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt, die durchweg gut besucht sind, da der Ort sonst so gut wie gar keine Abwechslung bietet. Außer Spaziergängen durch Wald und Wiesen oder ausgedehnten Wanderungen in die Berge. Und doch im Zeitalter der wachsenden Industrie würde sich mancher eine solche Idylle wünschen. Ein Paradies zum Glücklichsein?

Hier wurde im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts Hans Peter als unehelicher Sohn einer Pfarrhaushälterin geboren. Seine Mutter heiratete bald darauf den verwitweten Schreinermeister Waldbauer. So konnte der Bub, als er schulpflichtig wurde, einen Vater  vorweisen. Das war wichtig für die Schule und überhaupt wegen der Ämter, die alle Daten speichern. Auf diese Weise entging der kleine Hans Peter den Hänseleien der Schulkameraden.

Seine Mutter Luise war eine geborene Schmied. Der Name ist unauffällig. Kaum zu unterscheiden von dem riesigen Heer der Schmids, Schmidts und Schmitts. Auch Hans Peter gibt es unzählige. Nichts Besonderes. Man müsste schon die Umstände kennen, die zu seiner Geburt führten. Hans Peter hatte keine Ahnung, dass der Schreinermeister nicht sein leiblicher Vater war. Dass er ihm in keiner Weise ähnlich war, wurde ihm erst viel später bewusst, als diese vermeintliche Abstammung seiner ersten und einzigen großen Liebe hemmend im Wege stand.

Als Lehrling in der Schreinerwerkstatt seines Vaters taugte er nichts. Er litt darunter. Die groben Sticheleien seines Stiefbruders Otto verletzten ihn. Der Vater, ein geschickter Handwerker und Geschäftsmann, verstand den sensiblen und phantasievollen Jungen nicht. Er schalt ihn einen nichtsnutzigen Träumer.

Der solchermaßen verkannte wurde immer schweigsamer, fraß seinen Kummer in sich hinein. Seine Mutter versuchte ihm zu helfen. Sie arbeitete in der Pfarrbibliothek. Oft schlich sich Hans heimlich aus der Werkstatt des Vaters und machte einen Besuch in der Bibliothek. Dort fühlte er sich heimischer. Der geistliche Herr, der die Bücherei leitete, fand Gefallen an dem Buben, der so gern in den Büchern schmökerte und Mutter erreichte bald, dass ihr Sohn ein Stipendium für die Klosterschule bekam. Dort entdeckte man seine musische Begabung.

 

 „Das war eine schöne Zeit“, erinnert sich Hans Peter, als er nach langen Jahren der Irrfahrt  wieder in die alte Heimat zurück kam. Er denkt über sein Leben nach. Ob es ein gutes oder wertloses gewesen ist?

 „Wenn ich es aufschreibe, werde ich es herauskriegen“, meint er. „Ich muss mir Klarheit verschaffen“.

 

Er sitzt an seinem Schreibtisch. Vor sich einen Stapel Papier, von dem sich Bogen um Bogen, langsam und stetig mit seinen Schriftzügen füllt. Wenn er aufblickt, sieht er aus dem Fenster vor sich die alt vertraute Landschaft, die saftigen grünen Wiesen, den blauen Himmel,  in der Ferne die Berge. Und im Garten das Rosmarienbäumchen, das Mutter einst gepflanzt hatte, als er noch ein kleiner Bub war               

 

  „Ich hab’ die Nacht geträumet/ wohl einen schweren Traum,/

es wuchs in meinem Garten /ein Rosmarienbaum...“

Es ist ihm, als höre er  ihren klaren Sopran. Sie sang die alten Lieder meist eine Oktav höher, als sie gesetzt waren. Manchmal, wenn er nicht einschlafen konnte, schlich er rüber ins Schlafzimmer der Mutter und kroch zu ihr ins Bett. Dann drückte sie ihn an sich und summte ganz leise ein Wiegenlied bis ihm die Augen zufielen.

 

Musik: Evtl. ein Wiegenlied

 

 Doch diese Geborgenheit bekam Risse. Da waren die dunklen Abgründe, die sich in seiner Erinnerung genau so schrecklich auftun, wie sie es vor Jahren taten, als sie ihn in die Fremde trieben. Otto gab den Anstoß, als er ihn ganz unvermittelt einen Bastard schalt. Grün vor Neid.

Musikakzent ?

 Als Hans Peter sein Abitur auf der Klosterschule bestanden hatte, lernte er Ellinor im Tanzunterricht kennen. Und er wusste schon damals, nie wird er eine Frau finden, die er mehr lieben könnte als sie. Und dann bei der ersten öffentlichen Tanzveranstaltung, die er mit der verehrten Freundin besuchte, geschah etwas völlig Unerwartetes. In Gedanken hört er wie damals die verzerrte Stimme Ottos, der hämisch lachend in den Saal brüllt: „Mein Stiefbruder, dieser Bastard macht sich an die Fabrikantentochter ran. Was bildet er sich denn ein?!“

 Einen Moment lang peinliche Stille. Die Kapelle versuchte den Schreihals zu übertönen. Doch die Anwesenden waren schockiert.  Solch derbes Anpöbeln war man in diesen Kreisen nicht gewohnt.

Ellinor ging verwirrt zu ihrem Tisch zurück. Ihr Partner war wie gelähmt. Er brachte kein Wort heraus. Wusste nicht, welcher Teufel seinen Bruder ritt. Er war nicht zu besänftigen.

Als er ihn zur Rede stellte, fielen auch unschöne Worte über seine Mutter, die kurz vor seinem Schulabschluss gestorben war.

Die Verleumdungen verfolgten ihn wie böse Geister, die man nicht zu fassen bekommt. Als der alte Heckel seiner Tochter den Kontakt zu dem Handwerkersohn verboten hatte, hielt der es in der Heimat nicht mehr aus.

Warum musste sein Stiefbruder so viel Hass gegen ihn säen? War er denn nicht damit zufrieden, dass er den  Betrieb des Vaters übernehmen würde? Damit hatte er doch ein sicheres Auskommen und konnte eine Familie gründen.

Was war so schlecht an dem stillen Hans Peter? Dass er Träume hatte und in praktischen Dingen eher ungeschickt war?

Vielleicht reizte es Otto, dass dieser „uneheliche Bruder“ anders war, dass er Fähigkeiten besaß, die er selbst nicht vorweisen konnte. Damals nahm Hans Violinunterricht. Das Instrument wurde seine beste Freundin, der man alles anvertrauen konnte. Unter seinen Fingern, spielte es fast wie von selbst, schien es ihm.

Dank dieser Geige, der er bald vortreffliche Töne entlocken konnte, kam er in die USA als Austauschstudent. Eine Familie, die in einem kleinen Vorort von New York wohnte, suchte damals für ihren Sohn einen deutschen Studenten zum musizieren und natürlich um die deutsche Sprache zu lernen.

Der geistliche Herr in der Bibliothek erkannte die Chance für seinen begabten Schützling und hatte die Austauschstelle für ihn vermittelt.

Ja, die Wahlverwandten knüpfen oft tiefere Bande als die Blutsverwandten, dachte Hans Peter. Das durfte er in der Familie erfahren, die ihm für die nächsten Jahre ein Zuhause bot. Zwischen ihm und dem Sohn Carlos wuchs eine tiefe Freundschaft. Sie musizierten zusammen, gaben Konzerte, zunächst im kleinen familiären Kreis, der dann ganz allmählich immer größer wurde.

Als sie öffentlich auftraten und Erfolg hatten, nannte sich Hans Peter John Pietro Waldschmied. Sein Freund Carlos kam in Lateinamerika auf die Welt, als sein Vater, ein begabter Ingenieur an Entwicklungsprojekten in Argentinien beteiligt war.

Außer einer Schwäche für lateinamerikanische Rhythmen, hatte Carlos undeutliche Erinnerungen an diese Zeit, denn als er schulpflichtig wurde, zogen seine Eltern wieder in die USA, sie lebten  in Dover, nicht weit von New York entfernt.

Musik: argentinischer Tango von Piazzolla

 

 „Ja, das war eine gute Zeit“, wiederholt der alte John. Mit Carlos tauscht er heute noch Briefe aus. Ein bekannter Pianist ist er geworden, der Jugendfreund und unterrichtet an mehreren Konservatorien in den USA.

Es gibt viel, was die beiden musischen Menschen miteinander verbindet. Nur über seine unglückliche Liebe konnte John mit niemandem reden. Er hatte Ellinor damals einen Brief gesandt, in dem er bedauerte, was sein Bruder angerichtet hat und bat für ihn um Entschuldigung. Er hat nie eine Antwort erhalten.

Zu seinem Bruder Otto pflegte er keinen Kontakt mehr. Er erfuhr lediglich, dass dieser geheiratet  und ein Mädchen und einen Buben hatte und dass sie  samt der Schreinerei in die Stadt gezogen sind, nachdem Vater gestorben war.

Ihm, dem unverstandenen Sohn hatte Vater  einen schönen selbstgefertigten Geigenkasten hinterlassen. Das wusste John zu schätzen. So hat er ihn doch noch angenommen, der geschickte Handwerker den Träumer, den Taugenichts von ehedem.

Offenbar hat ihm der Träumer doch imponiert. John ist für die verspätete Anerkennung dankbar. Und heute weiß er, dass dieser Realist eigentlich nichts dafür konnte, dass ihm die fantastischen Träume seines  Stiefsohnes fremd blieben.

Ellinor hätte ihn verstanden, dessen ist sich der alte John ganz sicher.

 Sie war sehr musikalisch, trug sich in jungen Jahren mit dem Gedanken Pianistin zu werden. Einmal hatte sie ihm nach der Tanzstunde verstohlen ein Bändchen mit Shakespeares Sonetten zugesteckt. Ja, sie hatten die gleichen Interessen und was noch seltener ist, sie hatten auch die gleichen Träume. Und was ist ein Mensch ohne Träume? Gar nichts, dachte John.

 

Warum eigentlich hatte sie ihm nie geschrieben? Otto hatte einmal in wahrer Schadenfreude mitgeteilt, dass sie geheiratet hätte. Eine gute Partie, meinte er mit hämischem Grinsen.

Und er? Er hatte sich damals in ein Kloster zurückgezogen. Lebte zwei Jahre bei den Benediktinern. Gab ab und zu Konzerte in der Mönchskirche.

Sogar zwei Kompositionen hatte er zustande gebracht in der klösterlichen Stille. Als Carlos davon erfuhr, organisierte er eine Tournee mit dem Freund zusammen. Die halbe Welt bereisten sie damals. Und sie hatten Erfolg.

 

MUSIK

 

Versonnen blickt der Alte aus dem Fenster. Die Abendsonne ist längst hinter den Bergen verschwunden. Es ist dunkel geworden. Die feuchte Abendluft kriecht an ihm hoch. Er fröstelt ein wenig. Vergaß wieder einmal das Fenster rechtzeitig zu schließen. Fast hätte er das Klopfen an der Türe überhört. Bis diese energisch geöffnet wird und die Haushälterin hereinkommt und ihn mahnt, dass er etwas zu Nacht essen müsse. Es sei mal wieder spät geworden. Und den Schlaf dürfe er nicht vergessen, meint sie besorgt.

John ist viel zu müde, um zu widersprechen.

Die Tage gehen dahin. Schreibend kommt er zu der Ansicht, dass sein Leben nicht wertlos gewesen ist. Glücklich  war es nicht. Aber er ist dabei, schreibend den Sinn seines Daseins  zu erkennen. Doch dann geschieht etwas, was ihn wiederum daran zweifeln lässt.

Eines Tages taucht ganz unvermittelt eine Frau auf, schätzungsweise 30 oder 35 Jahre alt, sie sei die Leni, der Vater schickt sie, der Otto, sie fängt an zu schluchzen, einen Unfall habe er gehabt und man weiß nicht, ob er durchkommt. Dann zieht sie einen Brief aus der Tasche, ganz vergilbt sieht der aus. Der Vater hat gesagt, sie soll ihn dem Onkel Hans bringen. Damit die Sache in Ordnung sei und endlich wieder Frieden wäre...

John wird blass, seine Hände fangen leicht zu zittern an. Was er da in zitternden Händen hält,  ist ein Brief von Ellinor, in dem sie ihm mitteilt, dass sie zu ihm hält, ganz gleich, was die Leute dazu sagen. Auch ihr Vater könne sie nicht in ihrem Entschluss beirren...

 

Otto hatte diesen Brief vor 40 Jahren abgefangen und unterschlagen.

John ist erschüttert. Die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellt sich erneut. Aber er weiß nicht mehr, ob er sie schreibend lösen kann.

Seine Biographie lässt diese Frage offen.

In Freiberg findet er einen interessierten Verlag. Frau Reindell, Lektorin und Verlagsleiterin

bittet ihn zu einem Gespräch. Ganz überraschend steht der alte John seiner Jugendliebe Ellinor gegenüber, die den Verlag ihres verstorbenen Mannes weiterführt. Johns Roman hat die ehemalige Jugendfreundin tief beeindruckt. Und sie macht keinen Hehl daraus.

„Nur das Ende“, meint sie mit charmantem Lächeln, „das Ende der Geschichte könnte noch eine Ergänzung vertragen, meinst du nicht, John?“ 

 

MUSIK

 

 

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-  Eine preisgünstige Lösung  -

 

 

Heiner, Schorsch und Max trafen sich regelmäßig beim Senioren Stammtisch. In feucht-fröhlicher Runde ließen sich manchmal auch Probleme lösen, die  man alleine nicht meistern konnte.  Heiner schimpfte, dass das Leben immer teurer wird, so dass man sich fast nichts mehr leisten kann. Etwas auf die Seite legen, das geht überhaupt nicht mehr…

Schorsch meinte: „Sparen??  Man muss froh sein, wenn man dabei nicht noch Verluste einfährt.“

„Für was sollen wir in unserem Alter  denn noch sparen?  Meine Altersvorsorge ist abgeschlossen“, warf Max lachend ein. „Jeden Tag dankbar genießen, das ist meine Devise. Was danach kommt, macht mir jetzt keine Sorgen…“ 

„Tja… ganz so einfach ist das nicht! “, gab  Heiner zu bedenken.

„Danach kommt der Tod und der kann einige Tausender kosten!“

„Kommt drauf an“, meint der schlitzohrige Schorsch, „wie viel einem eine Bestattung wert ist.“ Er für seinen Teil habe dafür ein Sparbuch angelegt. Das einzige, das er noch besitzt. „Da kommen jeden Monat 50.- € drauf bis eine Summe von 800.-€ angespart sind“. 

Nach seinem Tod wird er mit dem Sparbuch ins Elsass gebracht und lässt sich dort verbrennen. Die Erben können dann seine Asche verstreuen. 

Die Vorstellung einer solch einfachen preisgünstigen Lösung brachte sogar den ständig nörgelnden miesepetrigen Heiner zum Schmunzeln. Wie von einer Zentnerlast befreit, resümierte er:

  „Ja, dann kann man ja den Rest des Lebens noch einigermaßen sorglos genießen.“  Dem stimmten die beiden anderen voll und ganz zu.

 

 

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Text  Februar 2016

 

 

Isolde von Lüdenhausen verreist mit dem Zug nach Basel.

 

 

Isolde von Lüdenhausen fährt mit dem Zug nach Basel. Sie möchte dort ihren alten Jugendfreund Urs Messerli treffen und bei einer Tasse Kaffee Erinnerungen mit ihm austauschen.

Danach, so war es geplant, wollten sie zusammen eine Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen besuchen. Schließlich war es die Kunst, insbesondere die Malerei,  die sie vor vielen Jahren zusammengeführt hatte. Und nun waren Werke von Paul Gauguin  zu sehen. Der ausgesprochene Lieblingsmaler von Isolde von Lüdenhausen. Ihre Freundin Irmela Jensen sollte wenigstens akustisch, durch eine telefonisch übermittelte Beschreibung zeitnah an dem Kunstgenuss teilnehmen können.

Diese aber wartete den ganzen Nachmittag vergeblich auf den beglückenden Anruf. Stattdessen meldete sich gegen Abend die Basler Polizei mit der schockierend knappen Nachricht: „Frau von Lüdenhausen hatte einen Unfall. Sie ist in Basel aus dem Zug gefallen.“

 

Zwei Stunden später der nächste Anruf. Nur mit großer Mühe kann Frau Jensen die Stimme am Telefon, ihrer Freundin zuordnen: „Irmele kannst Du mich abholen, ich bin in der Ambulanz im Krankenhaus Lörrach.“

 

Dort endete die verheißungsvolle Reise nach Basel, deren absoluter Höhepunkt die Vorfreude war. Denn am Ziel angekommen, verfehlte Isolde beim aussteigen aus dem Zug, die unterste Stufe und landete recht unsanft auf dem Asphalt des Bahnsteigs.

Als sie aus ihrer Benommenheit erwachte, erblickte sie statt des erwarteten Jugendfreunds einen bärtigen Polizisten, der sich über sie beugte und mit leichtem Augenzwinkern fragte: „Haben Sie zu viel getrunken?“

Sie zog es vor, abermals in eine kleine Ohnmacht  abzutauchen, bis sich die äußeren Umstände wieder etwas normalisieren würden. Das geschah dann mit dem Auftauchen ihrer Freundin Irmela.

 

 

Außer der Vorfreude  auf das Wiedersehen mit dem Jugendfreund und den gemeinsamen Besuch der Kunstausstellung, hatte der Ausflug nach Basel Isolde nur schmerzende „blaue Flecken“ beschert.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, dachte sie und genoss die absolut sichere Heimfahrt mit Irmela. „Das Telefon war die ganze Nacht besetzt“, erinnert sich Irmela, die später noch mal anfragen wollte, wie es Isolde geht. Ein Anruf aus Basel.

 

    

***

 

                                                                                                Prosa  Juli 2014

 

 

Der Sänger Samuel.

 

Leni wusste noch nicht, dass er Samuel hieß. Er hatte sich auf ihre  Annonce  beworben, in der sie einen musikalischen Unterhalter für ihre Mutter suchte, die fast 100 Jahre alt geworden ist.

Unter den vielen Bewerbern auf Lenis Annonce war dieser Sänger aus Siebenbürgen. Er rief an. Leni hörte am Telefon eine sonore  Stimme, die sang: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum …“

„Bin ich engagiert?“, fragte die Stimme dann. Spontan sagte Leni: „Ja“.

 

Jeden Dienstagnachmittag um ½ 5 Uhr erschien nun dieser Sänger. Ein großer Mann, 85 Jahre alt,  mit einem Stimmvolumen, das noch immer Strahlkraft hatte. Sie verhandelten ein Honorar, Leni servierte regelmäßig Kaffee und Kuchen und dann erklangen die alten Lieder aus Mutters Jugendzeit, Lieder aus Kaiser Wilhelms Zeiten und Weisen aus dem siebenbürgener Land. Auch viele Scherzlieder, die für heitere Stimmung sorgten. In der man den Alltag und alle lästigen Probleme vergessen konnte. Und das mit einer Stimme, die einmal Plätze und Säle füllte und ihm, dem Sänger wohl  auch das Leben gerettet hatte…  Er erzählte, dass er nach dem 2. Weltkrieg in Rumänien im Gefängnis saß… Durch die Verhandlungen Adenauers dann aus der Gefangenschaft befreit wurde.

In seinen Erzählungen äußerte er sich einmal negativ über die Juden.

„Aber Samuel ist doch ein jüdischer Name“, warf Leni ein.

Samuel wurde leichenblass, schien wie gelähmt, minutenlang brachte  er kein Wort heraus. Er, der sonst so schlagfertig war, dem der Schalk im Nacken saß … er brachte  kein Wort heraus. Dann fragte er, völlig verunsichert und voller Misstrauen:

 

 „Wie haben Sie das herausgefunden?“

 

Leni war erschüttert. „Sie haben mir doch selbst Ihren Pass gezeigt. Der Name Samuel ist mir aufgefallen“, sagte sie.

 

„Ah so…“

 

 Völlig entspannt, sang er weiter, als wäre nichts  geschehen… 

Er hatte nie erwähnt, auf welcher Seite er in der NS Zeit gestanden hatte…  ob er seine Herkunft verleugnen konnte?  Um sein Leben zu retten?  Leni hätte gerne mehr darüber erfahren, aber wenn er nicht von sich aus das Bedürfnis hatte, Dinge preiszugeben, die ihn so sehr  belasteten, dass es ihm die Sprache verschlug, dann konnte auch sie nicht daran rühren.

 

In jener Zeit suchte Leni auch eine Haushaltshilfe. Ein Musikstudent meldete sich. Als Leni meinte, es sollte eher eine Frau sein, die auch mal ihre Mutter betreuen könnte, versicherte er, dass er das sehr wohl übernehmen könne, z.B. könne er die Mutter mit klassischen Stücken auf der Posaune unterhalten. Im Übrigen wolle er gleich eine Probe seines Könnens  abgeben, er brauche nur einen großen Besen um den Hof zu kehren. Das tat er so gründlich und fein säuberlich, dass Leni ihre ablehnende Haltung aufgab. Und wenn sie mal einen Spaziergang nötig hatte  oder einkaufen musste, kam Adrian und Mutter strahlte, wenn er spielte.

So war das auch an einem Dienstag. Adrian hatte schon am Vormittag im Keller die Stücke geprobt, die er dann vorspielen wollte. Leni hatte wieder Kuchen besorgt und darauf aufmerksam gemacht, dass am späteren Nachmittag ein Sänger käme.  Adrian sah darin keine Aufforderung frühzeitig zu gehen,  im Gegenteil, er meinte, er könne den Sänger auf der Posaune begleiten und sicher auch von ihm noch etwas lernen.

 

Samuel war wenig erfreut, als bei seinem Kommen noch ein anderer anwesend war. Adrian, der sich rührend bemühte, ihm begleitend dienlich zu sein, hatte keinen Erfolg. Die Posaune erklang eine Oktave höher, der Sänger fand die Töne nicht, kam völlig aus dem Konzept, ärgerte sich und fauchte Leni wütend an:

„Haben Sie schon meinen Nachfolger engagiert?  

Adrian fiel völlig aus den Wolken  und Leni bemühte sich dem aufgeregten Sänger zu erklären, dass es sich hier keineswegs um seinen Nachfolger, lediglich um eine musikalische Haushaltshilfe handle,  die die Mutter zusätzlich mit Posaunenspiel unterhalten wolle.

Aber so leicht ließ sich der verschnupfte Sänger nicht beruhigen. Adrian versuchte seine Enttäuschung über das vermeintliche „Vorbild“ mit einem großen Stück Kuchen zu entschärfen, das er jetzt in aller Ruhe  verzehren wolle.  Samuel schaute  ungeduldig  auf die Uhr, trommelte aufgeregt mit seinen Fingern auf der Tischplatte herum. Dann fauchte er den friedlichen Musikstudenten an, „dass das Feld hier ab halb fünf Uhr ihm gehöre.“

 

Kein Wunder, dass die stimmliche Präsenz unter dem herum fauchen sehr gelitten hatte und die nachfolgende Gesangsdarbietung an ein mühsames Krächzen erinnerte.  

 

 An einem der folgenden Dienstage bot auch Samuels Schwiegersohn, der seinen Schwiegervater chauffierte, seine Gesangskünste an. Er habe eine gute Stimme und ein beträchtliches Repertoire. Es würde ihm große Freude machen…

„Geh nach Hause, Du hast hier nichts zu suchen!“

unterbrach ihn der eifersüchtige Schwiegervater. Leni gegenüber betonte er später noch einmal „Der hat hier nichts zu suchen.“  Der wäre geistig nicht so auf Draht, verglichen mit ihm. Wie nur seine Tochter an den geraten konnte…

 

Dann kam jener Dienstag, an dem der pünktliche Sänger  sich erheblich verspätete. Bei der Fahrt mit dem Schwiegersohn kam es zu Unstimmigkeiten. Der Schwiegersohn brauchte Luft und öffnete das Fenster. Dem Schwiegervater zog es. Er befahl, das Fenster zu schließen.  Als es zu keiner Einigung kam, stieg der Schwiegervater aus. Er zog es vor, den weiten Weg trotz strömendem Regen zu Fuß fortzusetzen. Völlig durchnässt und erschöpft, wie ein Häuflein Elend, kam er dann zur Gesangsstunde. Leni meinte, er solle zunächst mal heiß duschen. Sie überreichte  ihm  zwei große Badetücher. Er meinte, ein Bettlaken könnte auch nicht schaden. Seine Kleidung war klatschnass und musste erst mal getrocknet werden. Als er dann in Bettlaken und Badetuch gehüllt, im Cäsar- Look singend und gut gelaunt aus der Dusche kam, war ein vergnüglicher Nachmittag gerettet.  

 

Zum siebenundneunzigsten Geburtstag der Mutter hatte sich Samuel etwas Besonderes ausgedacht. Er wollte in Siebenbürger Tracht erscheinen. Leider war ihm der Anzug aus seiner Jugendzeit zu eng geworden, so dass er bei der ersten Anprobe aus allen Nähten platzte. Mit Hilfe seiner Nachbarin konnte der Anzug etwas seiner Figur angepasst und mit provisorischen Nähten repariert und mit einigen Sicherheitsnadeln zusammengehalten werden. Das fiel auf den ersten Blick nicht auf. Das weiße Hemd mit den schwarzen und roten Stickereien, der kleinen schwarzen Schalkrawatte, mit roten  und blauen  Ornamenten, verfehlten seine Wirkung nicht.

 Sänger und Anzug überstanden den Auftritt völlig unversehrt, der von den Zuhörerinnen begeistert beklatscht wurde.

 

Nach drei Jahren stand der große Abschied bevor: die letzten Tage der Mutter. Sie war sehr schwach geworden, konnte nicht mehr aufstehen. Samuel wollte unbedingt noch an ihrem Bett singen, wollte nicht wahrhaben, dass  sein Gesang jetzt nicht mehr gebraucht wurde. Dass Leni die letzten Tage mit der Mutter allein sein wollte.

Sie las Thornton Wilder:

„Da ist ein Land der Lebenden, und da ist ein Land der Toten. Die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe, das einzig Bleibende, der einzige Sinn“.

In diese Gedankenwelt des Dichters Thornton Wilder platzte Samuels Angebot:

 „Gnädige Frau, Sie brauchen jetzt Hilfe.“ 

In seinem Heimatland sei es üblich, erklärte er, dass der Mann das Geld der Frau verwaltet. Diesen und andere freiheitsberaubenden Bräuche wollte er nun zum Schutze Lenis einführen. Leni aber wollte  die Erinnerungen an eine schöne Zeit mit der Mutter und dem Sänger Samuel nicht verlieren und lehnte sein Angebot ab.

Adrian drückte ihr einen Ratgeber mit dem Titel „Bitte nicht helfen, es ist auch so schon schwer genug“, in die Hand.

 

Bald nach dem Tod der Mutter verabschiedete sich auch Adrian, der eine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Köln bestanden hatte und nun sein Studium für Posaune fortsetzen wollte. Aber auf jeden Fall werde er ab und zu Grüße senden.

 

Leni zog sich in die Stille zurück, suchte nach der Brücke, die das Land der Lebenden mit dem Land der Toten verbindet.

 

Dann fing sie an zu schreiben, schrieb die Geschichten, in denen sie im Land der Lebenden die „Goldenen Früchte des Herbstes“ fand.