Gedichte-Sammlung

 

Die Transparenz des Vierecks

Tod und Leben

Liebe, Agape, Caritas

Heimatlos

Die schwarze Wolke und das goldene Kreuz

 

 

Die Transparenz des Vierecks

 

 

Die Eule ist weise,

sagen die alten Leute,

die Eule mit den gebrochenen Flügeln.

Hört Ihr, was sie erzählt?

Ihr Lied klingt im Raunen

Der Bäume, wenn der Wind

Die Blätter ganz sacht’ bewegt.

Hört nur, was sie erzählt:

 

 

„Ich habe meine Grenzen überschritten

und bin  aus dem Nest gefallen,

sagten sie mir,

als sie mich in diesen

engen Käfig brachten.

 

 

Eingenistet in dieses Viereck

erlebte ich glückliche Kindheit.

Doch die schützenden Mauern

hielten dem ungestümen Drängen

der Jugend nicht stand.

Meine Flügel brachen beim

ersten Versuch sie auszubreiten

und dem geflügelten Entzücken entsagen

wurde frühes Gebot.

 

 

Die wachsamen Augen

suchten im Dunkel

nach dem Schlupfloch

in die grenzenlose Freiheit.

Denn sie war mein Begehren,

mein einziges Ziel.

Meine Füße tappten von Wand zu Wand,

von einem Winkel zum anderen

bis sie müde geworden sind.

 

 

Mit gebrochenen Flügeln

und lahmen Gliedern

verkroch ich mich

in den hintersten Winkel

meiner vier Wände,

die so oft in trüben Tagen

Zuflucht mir waren.

 

 

Noch immer hocke ich da

ganz ruhig

mit geschlossenen Augen

durchpulst vom kosmischen

Rhythmus des Lebendigen.

Die Grenzen zwischen

Innen und Außen sind gefallen:

 

Das Viereck ist transparent geworden.“

 Lilo Külp

 

               

 

                                                                                          R.M. Rilke

                                                                                  

Es ist das innige Einsehen, wie sehr  die Nichterfüllung,

wenn sie nur ganz geleistet wird, zum Reichtum werden kann.

 

R.M. Rilke spricht vom WELTINNENRAUM, wenn er sagt:

 „Die Unterscheidung zwischen außen und innen ist gefallen,

und der Raum ist zu einem Ganzen geworden;

eingelassen in den kosmischen Rhythmus des Lebendigen,

von Leben und Tod, Wandlung und Verwandlung“.

 

 

 

In den Märchen gibt es die guten Geister, manchmal sind es auch Tiere, die einem in einer ausweglosen Situation weiterhelfen. ´

 

Für mich war einer der guten helfenden Geister der Dichter Rainer Maria Rilke mit seinen Gedanken über die Nichterfüllung, die zum inneren Reichtum werden kann.

 

 

****

 

Tod und Leben

 

O Gott, Schöpfer allen Lebens

 

Lass mich sterben im Angesicht

Deines LEBENS

lass sterben allen Schmerz

alle Qual,

lass sterben allen Hass

allen Irrtum, allen Neid

mit denen Menschen sich begegnen.

 

 

Erlöse mich vom Geist der Enge,

der meine Freiheit in Fesseln schlug

und meine Gedanken in

Kerkern schmachten ließ,

dass sie nicht Flügel bekamen

und wie die Vögel sich unter

dem Himmel bewegen konnten,

wähnend Dir nah zu sein

in ungehemmter Entfaltungslust.

 

 

Erlöse mich vom Geist der Enge,

der meine Gefühle zertrat,

wie man einen Wurm zertritt,

als ich Deine Welt

und die Menschen in ihr

als Abglanz Deiner Herrlichkeit entdeckte,

als ich sie lieben wollte,

wähnend Dir nur als Liebende

nah zu sein,

verglühend in meinem Selbst.

 

 

Lilo Külp

                         L I E B E 

                                    AGAPE  

                                            CARITAS

                                                        

 

Liebe  ist Anruf

Jenseits von Raum und Zeit,

trifft Dich der Klang

wird Dein Herz

ein  Instrument

auf dem der Schöpfer

seine Unbegreiflichen

Weisen spielt

 

 

Und Du erfährst Dich

als Werkzeug Gottes

in einer Schöpfung

die nach Erlösung

schreit

                                   

                                   

Die Steine schreien

die Gestirne tönen

doch unsere

Ohren sind taub

vom Lärm

des alltäglichen

                            

taub für die

Wahrnehmungen

aus dem All

 

 

Erinnerungen  an einen Besuch im Straßburger Münster

 

 

*****

 

Heimatlos

 

 

Als sie den Erschlagenen

brachten

der unter der Brücke lag

ich hatte sein leises

Wimmern noch im Ohr

 

Da hörte ich den Schrei

den brüllenden Schmerz

aus gurgelndem Kindermund

ich sah in ein bebendes

Bubengesicht über das sich

stumm eine Frauengestalt beugte,

in schwarze Tücher gehüllt

 

Sie trugen ihn zu Grabe

den Heimatlosen

der unter der Brücke lag

ein leises Wimmern noch

auf den Lippen

 

Jetzt da er stumm geworden

nahm ihn die fremde Erde auf.

 

*****

 

Die schwarze Wolke

und das goldene Kreuz

 

„Ich bin bei Dir, wenn Du mich brauchst“,

sagtest Du.

 

Aber da war die schwarze Wolke,

die mich erdrückt.

 

„Es wird leichter, wenn ich bei Dir bin“,

sagtest Du.

 

Aber da war die dunkle Wolke,

die mich erdrückt.

 

Du wusstest es nicht,

sie kam mit Dir,

die Wolke, die mich erdrückt.

 

Aber ich sah das Kreuz

über der Wolke,

die schwarz war,

 

Das Kreuz war golden und licht.