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Assoziationen

Auf der Suche nach der Zukunft

 

 

Monika warf einen Blick auf den Pressekatalog. „Keine Ladenhüter, nur Literatur, die dieses Jahr erschienen ist“, stand in großen Lettern auf der Titelseite. Interessiert mich nicht, dachte sie und warf den Katalog in den Müll. Literatur, die im nächsten Jahr schon veraltet ist? Eintagsfliegen. Gehören in die aktuellen Nachrichten. Sie drehte das Radio an und hörte gerade noch:

Kruzifixe in Klassenzimmern verletzen nach dem endgültigen Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte kein Grundrecht. Es lasse sich nicht beweisen, ob ein Kruzifix an der Wand einen Einfluss auf die Schüler habe, befanden die Richter am Freitag

Und wenn es einen Einfluss hätte, müsste der denn negativ sein?

Kruzifixe, erinnerte sie sich, die wurden doch schon mal aus den Klassenzimmern verbannt. Als sie 1933 eingeschult wurde, prägte man den Kindern ein: “Jetzt kommt ein Mann, der die Armen von der Straße holt, der ihnen Arbeit und Brot verschafft…Keiner soll Hunger leiden.“ Er war der neue Gott. Das Führer- Bild ersetzte in den Klassenzimmern von nun an das Kruzifix. „Im Kreuz ist Heil“. Daran glaubten unsere Vorfahren, jahrhundertelang. Dieses „Heil“ beanspruchte nun ein Anderer.

Auch Monika glaubte an ihn, als sie mit 6 Jahren im Geschichtsunterricht von diesem „gottähnlichen“ Führer erführ. Als sie dreizehn wurde, begann der Zweite Weltkrieg. Die Menschen hatten Hunger und kein Brot. Da ist der Glaube an den „neuen Gott“  brüchig geworden.

Und ein paar Jahre später, hörte sie wie die Nachbarn sagten: „Jetzt holen sie die Juden ab“.„Was machen sie mit den Juden?“ „Wenn wir mit den Juden fertig sind, kommt ihr dran.“ Monika erinnert sich an die Mitschülerin mit den blonden Zöpfen, die ihr hasserfüllt diesen Satz ins Gesicht schleuderte. Monika ahnte zu jener Zeit noch nicht, was damit gemeint war.

Der Hass galt den Katholiken, die das Kreuz verehrten.

„Das ist nicht recht, was sie mit den Juden machen! Warum greift der Führer nicht ein?“ fragte ihr Vater, der seine Arbeit bei einer englischen Firma verloren hatte und nun zu Büroarbeit im Fliegerhorst verpflichtet wurde. „Warum lässt der Führer das zu? Warum greift er nicht ein?“, fragte er den diensthabenden Oberst. Dieser meinte, das sei Kriegsbedingt. Der Führer sei durch die Kriegshandlungen so in Anspruch genommen…“

Warum lassen sich Menschen so täuschen? Monika ging zum Bücherschrank, schmökerte in dem alten Goetheband. Las wieder einmal „Wanderers Nachtlied“:

 

Der du von dem Himmel bist, 
Alles Leid und Schmerzen stillest, 
Den, der doppelt elend ist, 
Doppelt mit Erquickung füllest;... 

Und Ein Gleiches:

 

Über allen Gipfeln ist Ruh´ in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch. …“

 

 Die Balkontür stand offen, sie wollte die Stille unter freiem Himmel genießen. Aber der Nachbar hatte das Radio an, wollte die Nachrichten nicht verpassen.

 

Ein bei der libyschen Stadt Bengasi abgeschossenes Flugzeug hat offenbar nicht zum Arsenal von Machthaber Muammar el Gaddafi gehört. Es habe sich um eine Maschine der Aufständischen gehandelt, sagte ein Rebellenvertreter.

Dann der Bericht aus Fukushima.

 Monika träumte in der Nacht von Weltuntergang und abertausend Verletzten. Fühlte sich am Morgen gerädert. Wollte sich das Elend von der Seele schreiben.

 

 

Wir wissen zu viel

von der Welt

 

Wer stündlich

die Nachrichten hört

verliert seine Träume

diesen letzten Rest

von Himmel in uns

 

Wir drohen unter

der Last der Welt

zu zerbrechen

 

Einer versuchte

die Nachrichten

zu benoten

„sehr gut“ gab es nicht

„gut“ äußerst selten

manchmal „befriedigend“

aber die „schlechten“ Nachrichten

überdeckten alles

 

 

Wo sind die

Zwischentöne geblieben,

die sanften die leisen

die unsere Ohren streicheln

und wie Balsam

unsere Seele berühren

 

Wo die Stille,

erstickt im Gebrüll

von Hasstiraden

 

 

 

Wo das Licht

das in die Finsternis

leuchtet?

 

Einer sagte

ich will etwas tun

für eine bessere Welt

Wir müssen sie realisieren

unsere Träume,

sagte er.

 

 

Da ist Hoffnung

dachte sie

Hoffnung auf eine Zukunft.

 

 

 Diese Hoffnung nahm Monika in den neuen Tag. Sie öffnete die Fenster. Im Nachbargarten blühten die Magnolienbäume. 

 

 

*

 

Auch der halbe Mond ist schön

 

Biographische Notizen eines unvollkommenen Lebens

 

 

 

„Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen.

Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil unsre Augen sie nicht sehn.“

                                                                                                 Matthias Claudius

 

 

Die Sehnsucht nach Vollkommenheit war in mir seit ich denken kann  Und da das Vollkommene selten gelingt, tröstete mich ein guter Freund und Lehrer, indem er mir versicherte:  „Auch der halbe Mond ist schön.“

Dieser Satz ist für mich heute noch wie eine Wunderdroge. Damit kann ich leben. Die eigenen Unvollkommenheiten annehmen, wenn ich sie auch nicht verstehen kann.

 

Grillparzers Schauspieltitel „Das Leben, ein Traum“ klang mir in jungen Jahren so vertraut. Heute würde ich sagen: „Das Leben, ein Fragment“.  Zuviel bleibt unvollendet in unserem Tun, und in den menschlichen Beziehungen.

Oder ist es nur unsere Erinnerung, die lückenhaft ist?   Oder unsere mangelhafte Erkenntnis des Geschehens?

 

Neulich fand ich ein Foto, das eine Schulklasse, eine Sexta der früheren Mädchen – Oberrealschule, (später Goethe Gymnasium) zeigt.

Es dauerte eine ganze  Weile, bis ich mich wieder erkannte und mich mit dem kleinen Mädchen mit den dicken blonden Zöpfen identifizieren konnte. Die meisten anderen Klassenkamerad/innen waren mir vertrauter. Ich war mir selbst fremd geworden. Nicht so sehr die Empfindungen und Gefühle des kleinen Mädchens. Aber das äußere Erscheinungsbild.  Mein Körper war mir unbekannt geworden. Staunend begriff  ich  die Wandlungsmöglichkeiten eines Lebens.

 

Meine früheste Erinnerung: ich liege in meinem Bettchen, bin allein und habe große Angst, weil das Bett neben mir, das Bett meiner Mutter, leer ist. Es war das erste Mal, dass sie nicht da war, als ich morgens aufwachte. Ich glaubte, sie sei gestorben. Und wenn man tot ist, wird man unsichtbar. Mein 2 Jahre jüngerer Bruder war noch nicht da  Folglich war ich noch keine 2 Jahre alt. Und doch ist diese Erinnerung an meine Existenzangst so gegenwärtig, als hätte ich sie erst gestern erlebt. Wie eine scharfe Momentaufnahme, die aus dem undurchdringlichen Nebel der Vergangenheit auftaucht.

 

Danach drängen sich viele freundliche Erinnerungen auf an Weihnachts- und Geburtstagsfeiern in der Geborgenheit der Familie. Spaziergänge mit dem Vater, der uns gerne in ein Gasthaus, ein „Wirtschäftle“, wie wir es nannten, einlud.

Wir Kinder hatten immer Durst und Appetit. Damals gab es so feine mürbe Butterstangen und Brezeln. Nie im ganzen Leben habe ich sie wieder gefunden, diese feinen Butterstangen mit Salz und Kümmel und die knusperigen Brezeln. Sie gehören in das verlorene Kinderparadies.

Vater, der viel auf Geschäftsreisen war, hatte es nie vergessen unserer Mutter und uns Kindern Geschenke mitzubringen. Wir Kinder, ich und meine 2 jüngeren Brüder, wir schrieen zur Begrüßung im Chor: „Vater, hast du uns was mitgebracht?“. Und wir wurden nie enttäuscht!

Dann kam der erste Schultag. Ein einschneidendes Erlebnis. In freudiger Erwartung saß ich in meiner Schulbank. Ich strahlte Zuversicht aus, meinte die Lehrerin und setzte ein weinendes Mädchen neben mich. Mein fröhliches Lachen sollte das traurige Kind  aufmuntern

 

Aber die Schule war nicht immer lustig. Die gut behütete heile Kinderwelt bekam schnell ihre Risse. Dass es auch Böses in der Welt gibt, hatte ich bislang noch nicht erfahren. Zwar gab es zuhause auch Einschränkungen durch Gebote und Verbote, aber diese waren von der elterlichen Liebe und Fürsorge getragen.

 Das genaue Gegenteil wurde mir durch meine Turnlehrerin in der Volksschule beschert. Es war beim Schwimmunterricht. Ich konnte das kalte Wasser nicht vertragen, fing an zu frösteln, meine Hände und Füße waren weiß und schlecht durchblutet, die Lippen bläulich angelaufen. Rücksicht für ihre Schutzbefohlenen kannte diese Frau nicht. Im Gegenteil, mit sichtlichem Vergnügen kritisierte sie die mühsamen Schwimmversuche des zitternden kleinen Mädchens. Sie müsse mit meiner Mutter sprechen, wegen meiner untauglichen Sportlichkeit. Meine Mutter maß diesem Gespräch nicht viel Bedeutung bei. Sie sagte nur „Deine Turnlehrerin war eine Klassenkameradin von mir.“ 

 Plötzlich erkannte ich, ihre ehemalige Mitschülerin gönnte ihr die Tochter nicht. „Wenn du schon eine Tochter hast, glaube nur nicht, dass du mit der Staat machen kannst. Bei mir nicht! Eine Sportskanone wird die nicht!“

Zum ersten Mal erfuhr ich, dass die Welt der Erwachsenen keineswegs „heil und vorbildlich“ ist. 

Auch mein Vater war sprachlos über meine schlechte Note im Turnen „du bist doch so gelenkig, turnst dauernd auf dem Sofa herum, kannst tanzen, probst Purzelbäume, Kerze und kannst im liegen Radfahren...“   also das verstehe ich nicht!   

 

Nach dieser schockierenden Verletzung durch „Ungerechtigkeit“ von einer Erwachsenen, die eigentlich Vorbild für ihre Schülerinnen sein sollte, geschah etwas, was einen sehr tiefen und heilsamen Einfluss auf mein kindliches Gemüt ausübte.

Ein junger Priester, ein Nachbar unserer Familie, feierte seine Primiz in unserer Pfarrkirche. Die tiefe Frömmigkeit und Hingabe mit der er die Messe zelebrierte, seine Stimme, die mit dem Liedtext verschmolz: “Großer Gott, wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke, vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke, wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit“ ließen die ALLMACHT GOTTES transparent werden.

 

Ich war wie von einem göttlichen Blitz getroffen, dachte an den brennenden Dornbusch, der in mir zu brennen schien, und eine Sehnsucht nach diesem großen gewaltigen Gott geweckt hatte, eine Sehnsucht, die mich bis ins hohe Alter nicht verlassen hat.

 

Meine erste kindliche Liebe galt meinem zwei Jahre jüngeren Bruder. Wir bekamen ein schönes Kinderzimmer, ich hatte mein Bettchen auf der rechten Seite, er auf der linken. Dazwischen stand ein kleiner Nachttisch. Mein Bruder hatte immer wieder neue Einfälle, wie unsere Abende vor dem Einschlafen zu kleinen Abenteuern mit Kissenschlachten und spannenden Erzählungen wurden. Das Licht wurde früh ausgemacht aber mein treuer Spielgefährte hatte in einem kleinen Trödlerladen ein Spielzeug, ein kleines Flugzeug erstanden, das gerade so viel Licht verbreitete, dass eine spannende Atmosphäre uns in eine fantastische Welt zwischen wachen und träumen entführte. Und wir hatten unsere Geheimnisse.

Der Flieger wurde auf Pump gekauft und in Raten abgestottert, da das Taschengeld  nicht ausreichte, ihn gleich ganz zu bezahlen. Der Krämer meinte: „Das komme ihm verdächtig vor“ und ich habe mir entsetzliche Sorgen gemacht, deshalb. „Hoffentlich kommt mein Bruder nicht auf die schiefe Bahn“, wenn er nun „verdächtig“ geworden ist.

Mir war „das auf Pump kaufen,“ unheimlich. Ich war überhaupt viel vorsichtiger und ängstlicher, nicht so unternehmungslustig wie mein Bruder.

Der Trödler war übrigens ein Original, das aus einem Gemälde von Carl Spitzweg stammen  könnte: eine stattliche Figur mit einem dicken Bauch, einem runden Kopf, auf dem sich spärlich rötlichbraune Haare sträubten, mit kleinen neugierigen Augen hinter einer randlosen Brille, die auf seiner dicken langen Knollennase notdürftig Halt fand. 

Dieser kauzige Ladeninhaber hatte u.a. so wunderbare kleine Bälle, fast so groß wie Tennisbälle. Aber sie gefielen uns viel besser in den unvergleichlich herrlichen Farben. Und spielen konnte man damit! Diese Zauberbälle wollten wir uns gegenseitig zum Geburtstag schenken, das hatten wir an den Abenden besprochen und uns danach ganz fest versichert, die vorzeitig ausgeplauderten Geschenk Ideen wieder zu vergessen, damit es dann doch eine Überraschung werden kann. Auf solche und ähnliche Weise wurden unsere kindlichen Probleme in den abendlichen Erzählstunden vor dem Einschlafen gelöst. 

 

In dieses Kinderparadies platzte wie eine Bombe, der eindringliche Rat einer Tante, die immer wieder damit anfing, dass es nicht gut wäre, wenn Buben und Mädchen in einem Zimmer schlafen würden. Wir waren erst 6 und 8 Jahre alt und  ich hatte keine Ahnung, warum das so sein soll.

Warum hat man Geschwister, wenn man dann doch alleine bleiben muss?

Eine verrückte Welt, in die man da hineingeboren wurde.

Diese Überzeugung verstärkte sich, als ich mit 9 Jahren Beichtunterricht bekam. Besonders unverständlich war das 6. Gebot, das sich wiederum in zahlreiche Einzelsünden gliederte. Man durfte weder sich selbst noch andere mit „Lust“ ansehen. Schon das „daran denken“ war Sünde. Ich versuchte nun die Morgenwäsche mit halb geschlossenen Augen zu vollziehen. Beim Baden war das noch viel schwieriger und gelang selten. Auch hatte ich  Freude meinen Körper anzusehen. Und das war nun aus völlig unerklärlichen Gründen verboten. Um ja nichts falsch zu machen, hatte ich unter diesen Umständen die ganze Sündenliste des 6. Gebotes auswendig gelernt, genauso wie sie im Beichtspiegel stand und habe alles, was ich nicht ganz verstanden habe, vorsorglich gebeichtet. Drei Vaterunser zur Buße und ich war wieder „gottwohlgefällig und rein“.

 Das ging so lange, bis ein cholerischer Beichtvater mein Sündenregister unterbrach mit den Worten, „ob ich ihn auf den Arm nehmen wolle?“

Ich war völlig sprachlos. Er entfernte sich aus dem Beichtstuhl und rannte davon, als wäre eine ganze Horde kleiner Teufelchen hinter ihm her.

„Aha, so genau nehmen die das mit dem Beichtspiegel gar nicht“, dachte ich  etwas verblüfft, war aber doch sehr erleichtert. Denn wegen meiner vielen vermeintlichen Sünden hatte ich mich so geschämt, dass ich dieses Mal in eine andere Kirche zu einem fremden Beichtherrn gegangen bin, um das gute Verhältnis zu dem netten Kindervikar nicht zu belasten.

 

Eine gute Seite hatte der Beichtstuhl aber doch. Man konnte leicht Kontakt aufnehmen.

Auf diese Weise hatte ich den sympathischen Jugendseelsorger zu einem Theaterstück eingeladen, das ich zu Hause aufführen wollte. Ein Trauerspiel hatte ich nach eigenen Ideen improvisiert. Lustspiele waren mir nach den Erfahrungen mit dem Beichtspiegel zu riskant.

 

Unter Mitwirkung meines zwei Jahre jüngeren Bruders kam die Tragödie dann nach langen Kostümproben aus Mutters Kleiderschrank zur Aufführung. Der jüngere Bruder, kaum drei Jahre alt, saß im Publikum und kann sich heute noch daran erinnern.

Wieder war es die besagte Tante, die das ganz unmöglich fand, einen „geistlichen Herrn“ einzuladen, in den langen nur spärlich beleuchteten Korridor, der uns Kindern aber wie geschaffen für einen Zuschauerraum im Theater schien. Dieser mündete in einen zweiten kleinen Vorraum, der quer zum dunklen Gang verlief und seitlich durch ein kleines Fenster geeignete Lichtverhältnisse für unsere Bühne bot. Der Türrahmen, ohne Türe, der die beiden Räume verband, wurde mit einem Vorhang versehen. Und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war das geladene Publikum. einschließlich des „geistlichen Herrn“ sehr amüsiert über unsere Vorstellung.

 

Jene frühen Jahre der Kindheit und Jugend wurden überschattet vom Zweiten Weltkrieg, den wir Kinder, meine zwei Brüder und ich als „Hungerjahre“ in Erinnerung behielten. Die kärglichen Brot–und Milchrationen, die auf Lebensmittelmarken zugeteilt wurden, ließen unsere hungrigen Mäuler kaum satt werden. Ab und zu mussten wir bei den Bauern in der Umgebung etwas Brot oder Kartoffeln „hamstern“, um die spärlichen Rationen etwas aufzubessern.

 

Bei diesen Hamstertouren traf man ab und zu recht wunderliche Gestalten. Ich erinnere mich an eine hagere, abgehärmte Frau, die beharrlich von einem Bauernhof zum anderen zog und immer die gleiche Geschichte auftischte, nämlich, „dass ihr in der Nacht der „Heilige Antonius“ erschienen sei und mit strenger Stimme befohlen habe: Dieser Frau muss geholfen werden!“

Und ist es nicht ein kleines Wunder? Das Herunterleiern ihrer Litanei blieb nicht erfolglos. Ich erlebte, wie eine Bäuerin, ohne eine Miene zu verziehen in den Keller herunterstieg, wo die wöchentlich frisch gebackenen Brotlaibe in den Regalen gestapelt wurden, sie holte einen Laib, zeichnete mit dem Brotmesser ein kleines Kreuz darauf und schnitt eine riesige Scheibe ab, legte noch ein mächtiges Stück von dem frisch geräucherten Speck dazu. Beides verschwand sogleich im Sack der Bettlerin. Als ich ihr am Abend wieder begegnete, war ihr Bettelsack prall gefüllt.

 

Die Milch wurde damals vom Milchmann mit einem Hand-Leiterwagen ausgefahren. Er klingelte an den Haustüren und die Bewohner versammelten sich vor seinem kleinen Wagen, auf dem die großen Kannen standen. Die Milch wurde mit einer Schöpfkelle ausgeteilt. Der Milchmann hieß Metzger. Das gefiel uns Kindern und wir versäumten nicht, jedem, der uns besuchte zu erzählen, dass wir die Milch vom Metzger bekommen. Und das Fleisch kaufen wir beim Schneider.

Als die alten „Metzgers“, bescheidene und fleißige Leut´, gestorben waren, hatte ihr Sohn, ein großer kräftiger Mann das Ausfahren der Milch übernommen. Schon bald danach hatte er festgestellt, dass das viel zu anstrengend für ihn sei. So trafen sich die Nachbarn jeden Morgen in dem kleinen Milchladen. Herr Metzger fühlte sich als „Märtyrer der Arbeit“  Wie ein Volksredner stand er hinter der Theke und schilderte seinen Kunden in eindringlichen Worten, welch schweres Los ihn getroffen hat. Schier unmöglich sei es, die großen Kannen tag-täglich zu schleppen. An ein „Ausfahren“ sei gar nicht zu denken!

Ein Nachbar, Rechtsanwalt Haefelin, ein großer hagerer Mann begleitete mich  auf diesen morgendlichen Spaziergängen ins Milchlädele. Und auf dem Heim-weg überholte er mich regelmäßig. Mit elastisch federnden Schritten schwenkte er sein gefülltes Kännchen wie eine Schaukel vor und zurück. Bei jedem Schwung schwappte etwas Milch auf den Boden. Ich, die hinter ihm her trottete, dachte „hoffentlich bringt er noch etwas von der kostbaren Flüssigkeit nach Hause.“ Hörte dann einmal wie Frau Haefelin, die ihm die Türe öffnete,  bemerkte „hatt‘s mal wieder knapp bemessen, der Milchmann-Metzger, dieser Geizkragen.“   

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Der tiefe Eindruck

 

 

Als der greise Priester seinen 90. Geburtstag feierte, fragte man ihn, was ihn in seinem  langen Berufsleben am tiefsten beeindruckt hatte. 

 

„Ich habe viele Kinder aus der Taufe gehoben, habe Ehebündnisse gesegnet und unzählige Tote in die ewige Ruhe begleitet.

Glück und Leid so vieler Menschen habe ich aus nächster Nähe miterlebt.

Das Schwerste aber war, die Traurigen zu trösten.“

Er erinnerte sich an den Fall einer Witwe, die untröstlich war, als sie ihren Partner verloren hatte. Und mehrmals versuchte, ihrem Mann in den Tod zu folgen.

 

„Einmal traf ich sie auf der Brücke. Stundenlang starrte sie in den reißenden Fluss: „Nicht so werdet ihr eurem Geliebten nahe sein, nicht so“, mahnte ich. 

„Wie denn sonst“, fragte sie, „da er tot ist und ich lebe?“

 

Daraufhin besuchte ich sie oft und  sprach mit ihr über Tod und ewiges Leben.

Aus den Schriften des Sokrates zitierte ich:
„Niemand weiss, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern.“

Bevor ich sie verließ, versicherte ich ihr:

 „Die Toten kehren zurück.“

 

Eine Zeitlang hatte ich die Trauernde aus den Augen verloren. Die Jahre vergingen. Eines Sonntags nach der Messe suchte sie mich auf und sagte:

 

„Monsignore, ich habe meinen Mann wieder gefunden.“ 

„Wo habt Ihr ihn gefunden “, fragte ich.

„In meinem Herzen. In meinem Herzen habe ich ihn wiedergefunden“, sagte sie.

 

 

Der Priester schwieg eine Weile, ehe er gestand:

Dieses Erlebnis hat mich tiefer als alle anderen beeindruckt.